28.05.2026 |

Wohlstand neu messen: Der UN-Bericht zu „Beyond GDP

Seit Jahrzehnten gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Hauptindikator, um wirtschaftliche Entwicklung und Fortschritt zu beurteilen. Gleichzeitig ist seit Langem bekannt: das BIP eines Landes bildet nur einen Ausschnitt gesellschaftlicher Entwicklung ab. So wächst das BIP auch, wenn nur ein kleiner Teil einer Gesellschaft seinen Wohlstand ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen mehrt, während sich die soziale Schere weiter öffnet. Aspekte wie Verteilung, soziale Sicherheit, Inklusivität und Nachhaltigkeit des Wirtschaftens werden nicht abgebildet. Um Entwicklungen in Bezug auf das Zusammenspiel von sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit bewerten zu können, greift der Indikator zu kurz und es bedarf neuer Messkategorien. 

Vor diesem Hintergrund haben die Vereinten Nationen im Rahmen des „Pact for the Future“ eine hochrangige Expert:innengruppe eingesetzt, um neue, zusätzliche Indikatoren „Beyond GDP“ zu entwickeln. Mit „Counting what counts – A Compass of Progress for People and Planet“ haben die Expert:innen im Mai 2026 einen Bericht vorgelegt, in welchem sie ein Dashboard mit neuen Indikatoren präsentieren. Rund die Hälfte der vorgeschlagenen Indikatoren stammt bereits aus dem Indikatorensystem der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) und umfasst Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Arbeit, Menschenrechte oder Klimaschutz. Ergänzt werden diese durch alternative und komplementäre Messgrößen, die Aspekte wie sozialen Zusammenhalt, Vertrauen in Institutionen, subjektives Wohlbefinden, Ungleichheit sowie natürliche Ressourcen und gesellschaftliche Fähigkeiten berücksichtigen. Die vorgeschlagenen Indikatoren sollen in einem anschließenden zwischenstaatlichen Prozess weiter diskutiert und konkretisiert werden. Bei der 4. Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Sevilla hatte sich bereits eine globale Allianz von über 30 Staaten zusammengetan, die das Vorhaben weiter vorantreiben wollen. 

In Deutschland sind für nahezu alle dieser alternativen Messungen bereits Daten vorhanden. In Zukunft kommt es darauf an, diese aufzubereiten und stärker mit Konzepten alternativen Wohlstands zu verknüpfen.

Neben dem Vorschlag eines neuen Indikatorensystems formuliert der Bericht auch konkrete Handlungsempfehlungen für Regierungen, internationale Organisationen, statistische Institutionen sowie für Zivilgesellschaft und Medien. Regierungen werden unter anderem dazu aufgefordert, ab 2027 nationale Beyond-GDP-Dashboards einzuführen und diese stärker in politische Entscheidungen und Haushaltsplanungen einzubeziehen. Zudem sollen Datenlücken geschlossen und statistische Kapazitäten ausgebaut werden. Die Vereinten Nationen sollen regelmäßig Fortschrittsberichte veröffentlichen und die internationale Einführung von Beyond-GDP-Indikatoren fördern, damit Fortschritt nicht länger ausschließlich anhand des BIP, sondern auch unter Berücksichtigung von Menschenrechten, Frieden und Nachhaltigkeit gemessen wird.