Worum geht’s?
Im Dezember 2026 endet die zweite Amtszeit des aktuellen UN-Generalsekretärs António Guterres. Der Portugiese hat das Amt seit 2017 inne, nun soll ein:e Nachfolger:in gewählt werden.
Im Vorfeld der abschließenden Abstimmung im UN-Sicherheitsrat finden mehrere Probeabstimmungen, sogenannte „Straw Polls“, hinter verschlossenen Türen statt. Die erste fand am 30. Juli 2026 statt; weitere werden in den kommenden Wochen folgen.
Nach der inoffiziellen Rotation zwischen den Weltregionen sollte die nächste Person aus aus Lateinamerika und der Karibik kommen. Zahlreiche Stimmen fordern außerdem, dass nach über 80 Jahren Bestehen der Vereinten Nationen erstmals eine Frau an deren Spitze gewählt wird.
Aktuell gibt es sieben Kandidierende, vier Frauen und drei Männer. Fünf kommen aus Mittel- und Südamerika, zwei Personen aus Afrika. Die letzte Person wurde erst vor wenigen Tagen nominiert, auch weitere Nominierungen sind weiterhin möglich. Im April und Juni fanden öffentliche Anhörungen in der UN statt, am 23.07.2026 gab es ein UN-Town-Hall-Meeting mit den sechs bis zu diesem Zeitpunkt nominierten Kandidierenden.
Was passiert als nächstes?
Trotz des öffentlichen Bewerbungsverfahrens und der zahlreichen Anhörungen entscheiden letztendlich nur die 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrates über die Nachfolge von António Guterres. Für eine erfolgreiche Wahl muss der oder die Kandidat:in insgesamt neun Stimmen auf sich vereinen und gleichzeitig kein Veto von den fünf ständigen Mitgliedern bekommen. Die oben bereits erwähnten „Straw Polls“, sollen dabei helfen abzuschätzen, ob es einen Konsens insbesondere zwischen diesen Staaten gibt.
Wann es zur finalen Abstimmung kommt, ist nicht genau festgelegt. Der Prozess wird sich aber voraussichtlich noch bis weit in den Herbst ziehen. Hat sich der Sicherheitsrat auf eine Person geeinigt, gilt die Abstimmung in der UN-Generalversammlung als reine Formsache. Am 01. Januar 2027 soll der oder die neue Generalsekretär:in das Amt antreten.
Wie hängt das mit der Agenda 2030 zusammen?
Der bisherige Amtsinhaber António Guterres hat sich immer wieder für die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) eingesetzt, bereits 2023 forderte er ein SDG-Konjunkturprogramm zur Rettung der Agenda 2030. Auch in den jährlich veröffentlichten Fortschrittsberichten über die Umsetzung der SDGs oder mit „Our Common Agenda“ von 2021 setzte Guterres immer wieder wichtige Impulse.
Welche Prioritäten die nächste UN-Generalsekretärin oder der nächste UN-Generalsekretär setzt, wird mitentscheiden, welchen politischen Stellenwert die Agenda 2030 in ihren letzten Jahren erhält und wie die globale Nachhaltigkeitspolitik nach 2030 weitergeführt wird.Werfen wir daher einen kurzen Blick auf die „Vision Statements“ der Kandidierenden:
- Michelle Bachelet: Klarer Fokus auf Klimaschutz und alternative Finanzierungsformen. Sieht nachhaltige Entwicklung als Instrument zur Förderung von Konfliktprävention und Stabilität; neue Technologien (inkl. KI) sind für sie eine Chance. Benennt SDGs nicht direkt, aber betont die Rolle der UN als verlässlichen und unparteiischen Partner. Entwicklung soll zu Frieden, Resilienz und sozialer Gerechtigkeit beitragen.
- María Fernanda Espinosa: Erwähnt die SDGs direkt, kritisiert die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Fordert eine schnellere und bessere Umsetzung bis 2030. Anstatt direkt zu implementieren soll die UN eher koordinieren, unterstützen und Kapazitäten fördern. Bessere nationale Mitgestaltung, Mobilisierung von Ressourcen, Diversifizierung und Stärkung von Süd-Süd-Kooperation.
- Rafael Grossi: Frieden ist für ihn notwendig, um Menschenrechte zu schützen und Entwicklung zu fördern. Nennt sowohl die Agenda 2030 als auch die SDGs direkt. Angesichts schwacher Umsetzung sollen erreichbare Ziele, messbarer Fortschritt und Koordination in den Fokus gerückt werden. Dafür braucht es eine konstruktive Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft, Privatsektor und Wissenschaft.
- Rebeca Grynspan: Fokus auf den technologischen Fortschritt und mögliche Bedrohungen, auch im biomedizinischen Bereich. Zugang zu Digitalisierung gerecht vorantreiben. Sie spricht vulnerable Ländergruppen und die Staatsschuldenkrise an. UN als Wegbereiter für ökonomischen Aufschwung und den Abbau von strukturellen Barrieren. Keine direkte Erwähnung der SDGs, aber Zitat: „Sustainable development is not given, but unleashed”.
- Olara Otunnu: Fordert ein neues UN-Gremium speziell zu KI, möchte den Klimawandel adressieren ohne dafür Wohlstand, Innovation und Energiesicherheit aufzugeben. Benennt die Agenda 2030 im Zusammenhang mit der Mobilisierung finanzieller Mittel. Die UN sollen die globalen Finanzinstitutionen nicht ersetzen sondern ihre Vermittlerrolle nutzen, um Mitgliedstaaten beim Schließen von Finanzierungslücken zu unterstützen.
- Carolyn Rodrigues-Birkett: Nennt sowohl die SDGs, Agenda 2030 als auch den UN-Zukunftspakt direkt. Klares Defizit ist die Umsetzung und die weiterhin bestehenden Ungleichheiten. Ihre Lösung: besserer Zugang zu Finanzierung. Sie spricht von potentiell existierenden „trillions“, die nicht abgerufen werden. Als Generalsekretärin will sie sich für die Implementierung bestehender Verpflichtungen, inkl. dem Sevilla Commitment, einsetzen. Dazu gehört auch die Kooperation mit dem Privatsektor.
- Macky Sall: Möchte die Synergien zwischen Friedensmissionen, Entwicklungs- und humanitären Organisationen stärker nutzen. Entwicklung ist notwendig, um Frieden nachhaltig zu sichern. Er will Finanzierungslücken durch besseres Schuldenmanagement, Handel und Investitionsförderung schließen. Erwähnt weder die SDGs, die Agenda 2030 noch die Menschenrechte in seinem Statement. Konzipiert die UN als Plattform für strategische Kooperation, auch mit den Bretton-Woods-Institutionen.
Insgesamt gibt es eine breite Unterstützung für die SDGs oder für nachhaltige Entwicklung allgemein. Allerdings unterscheiden sich die Prioritäten teils deutlich. Während einige Kandidierende vor allem Finanzierungslücken und die Reform der internationalen Finanzarchitektur ansprechen, rücken andere Klimaschutz, neue Technologien oder die Verbindung zwischen Entwicklung und Frieden in den Vordergrund. Einig sind sich die Kandidierenden darin, dass die UN weniger operativ, sondern vielmehr als Koordinatorin und Vermittlerin tätig sein sollte.
Welche Rolle sollten die SDGs künftig spielen?
Bereits im ersten Amtsjahr der oder des neuen UN-Generalsekretär:in findet der letzte SDG-Gipfel vor 2030 statt. Er bietet nicht nur die Chance, sich früh politisch zu profilieren, sondern ist vor allem eine wegweisende Konferenz für die Zukunft der globalen Nachhaltigkeitsagenda und eine der letzten Gelegenheiten, die Umsetzung der SDGs bis 2030 voranzutreiben.
Angesichts der zahlreichen Herausforderungen, denen sich der oder die kommende UN-Generalsekretär:in stellen muss, überrascht es nicht, dass die SDGs im bisherigen Auswahlprozess keine zentrale Rolle spielen. Die Vereinten Nationen stehen unter erheblichem finanziellem Druck, sehen sich mit einem Bedeutungsverlust konfrontiert und müssen auf eine wachsende Zahl bewaffneter Konflikte reagieren. Dass sich die Kandidierenden daher vor allem auf die strukturellen Probleme der Organisation konzentrieren, ist nachvollziehbar. Gleichzeitig ist dies ein klares Zeichen dafür, dass die globale Nachhaltigkeitsagenda in die Defensive gerät.
Für den oder die nächste Generalsekretär:in geht es darum, die Legitimität, Relevanz und Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen zu sichern. Ob nachhaltige Entwicklung als Voraussetzung für Frieden verstanden wird (Bachelet, Sall) oder Frieden als Grundlage für nachhaltige Entwicklung (Grossi) – die Agenda 2030 und ihre Ziele dürfen kein Randthema werden. Nachhaltige Entwicklung ist ein zentrales Puzzleteil zur Bewältigung globaler Herausforderungen und eine der drei Säulen der Vereinten Nationen.
Weitere Informationen
Mehr zu Beyond 2030: https://www.globalpolicy.org/de/publication/die-globale-nachhaltigkeitsagenda-der-defensive-optionen-fuer-eine-beyond-2030-agenda
UN-Webseite zur Wahl, Zugriff auf Lebensläufe, Vision Statements und viele weitere Informationen: https://www.un.org/en/sg-selection-and-appointment
Einschätzungen zur Wahl von unseren Kolleg:innen bei der DGVN: https://dgvn.de/meldung/wer-fuehrt-kuenftig-die-un-wahl-der-naechsten-generalsekretaerin-oder-des-naechsten-generalsekretaers
