06.04.2018 | Forum Umwelt und Entwicklung

Mit Bioökonomie die Welt retten? Neue Geschäftsmodelle und alte Strukturen

Rundbrief Forum Umwelt und Entwicklung I/2018
Cover
Cover

Es soll der ganz große Wurf werden: Auf Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse verspricht Bioökonomie die Brücke zwischen Ökologie, Technologie und effizienter Wirtschaft zu schlagen, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Bioökonomie soll die Klimakrise entschärfen, die Umwelt schonen und zu Ernährungssicherheit weltweit beitragen. Gleichzeitig verspricht die Bioökonomie zum Wachstumsmotor der Wirtschaft zu werden.
 
Kurz vor dem 2. Weltgipfel Bioökonomie, der Mitte April dieses Jahres in Berlin stattfindet, lohnt es sich nachzufragen: Kann Bioökonomie wirklich die Welt retten? Sollten wir es nicht verpasst haben, hat die ganz große Transformation hin zu einer ökologisch und sozial nachhaltigen Wirtschaft ja noch nicht stattgefunden. Genau das wird aber immer mehr als Anspruch der Bioökonomie vorgetragen, wie im ersten Artikel erläutert wird. Inwieweit dies aus Sicht der Industrie Wirklichkeit werden kann, lassen wir anschließend einen Vertreter der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie selbst erklären.
 
In weiteren Artikeln diskutieren wir, welche Rolle die Landnutzung und Materialkonkurrenz bei der Biomasseerzeugung spielt, weshalb viele agrartechnologische Methoden, die die Bioökonomie empfiehlt, das Hungerproblem in der Welt eher verstärken als lösen und warum auch in einer Bioökonomie dem Artensterben auf unserem Planeten nichts entgegengesetzt wird.
 
Daneben werfen wir einen Blick auf Problembereiche, die in der Diskussion um Bioökonomie viel zu wenig Beachtung finden. Dazu gehört die Frage, welche Konsequenzen die Biomasse als neue ökonomische Basis des Globalen Nordens für den Globalen Süden hat und welche neuen Verteilungsungerechtigkeiten damit verknüpft sind. Ebenfalls hochkomplex und nicht weniger problematisch ist das Thema neue Gentechnik und Biotechnologie. Hinsichtlich der notwendigen massiven Produktionssteigerung von Biomasse, des Zugangs zu genetischen Ressourcen, der Medikamentenentwicklung und der Ernährungsproblematik, stellt dieser Bereich einen wichtigen Erfolgsfaktor für die Bioökonomie dar. Hinzukommen ethische und ökologische Fragen bei der möglichen Änderung und Eliminierung genetischen Materials. Hightech, Großkonzerne und Milliardeninvestitionen spielen bei all dem eine große Rolle. Das spiegelt sich auch in der Forschung zu Bioökonomie wieder. Diese ist auf einseitige technologische Innovationen ausgelegt und wenig demokratisch-partizipativ. Eine offene gesellschaftliche Debatte ist so kaum möglich.
 
Sie ahnen schon: Bioökonomie kann nur eine Teillösung sein. Sie ersetzt nicht die Agrar-, Energie-, Wärme- und Mobilitätswende. Sie stellt auch nicht die Konsummuster des Globalen Nordens und den Wachstumszwang in Frage. Die Bioökonomie tastet die Strukturen unseres neoliberalen Wirtschaftssystems nicht an, könnte dessen Mechanismen jedoch verstärken und birgt unter dem grünen Deckmantel technologischer Innovationen neue Risiken in sich. Aber es ist nicht alles Schwarz-Weiß. Als sektorübergreifendes Konzept könnte eine nachhaltige Bioökonomie auch ein Schritt hin zu einer ganzheitlichen, gemeinwohlorientierten Wirtschaft bedeuten. Eine eingehende Auseinandersetzung mit ihr braucht es in jedem Fall, wollen wir nicht bald vor vollendeten Tatsachen stehen. Bisher fehlt allerdings eine starke Stimme der Zivilgesellschaft, die sich informiert und kritisch zu Wort meldet. Das muss sich ändern. Einen kleinen Anstoß dazu soll diese Rundbriefausgabe geben.


Inhalt

SCHWERPUNKT
 
Eine Einführung in die Problematiken der Bioökonomie
Was wird unter Bioökonomie verstanden?
Stig Tanzmann
 
Bioökonomie: Erdöl versus Biomasse?
Chancen und Risiken aus Sicht der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie
Dr. Ricardo Gent
 
Synthetische Biologie und die neuen Verfahren der Gentechnik
Die Notwendigkeit des Vorsorgeprinzips in der Bioökonomie
Dr. Ricarda Steinbrecher
 
Landnutzung und Materialkonkurrenz
Die Zutaten für die Biomasseerzeugung werden knapper
László Maráz
 
Mit Bioökonomie die Welt ernähren?
Ein problematisches Versprechen
Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald
 
Bioökonomie und Biodiversität
Die biologische Vielfalt als Schlüssel zu einer nachhaltigen Bioökonomie
Martina Kolarek
 
Bioökonomie als technologische Innovation
Zur Notwendigkeit alternativer Forschung und einer gesellschaftlichen Debatte
Maria Backhouse, Rosa Lehmann, Malte Lühmann und Anne Tittor
 
Bioökonomie im globalen Kontext?
Der Süden als Lieferant für Biomasse?
Thomas Fatheuer
 
Wie nachhaltig kann Bioökonomie sein?
Risiken und Chancen eines sektorübergreifenden Konzeptes
Uwe Frische und Ulrike Eppler
 
Die Grasfabrik im Odenwald
Von der verrückten Idee z um Best-Practice-Beispiel
Mathias Gößling


AKTUELLES
 
SAICM – internationale Chemikalienpolitik bekommt eine neue Struktur
Endlich eine Chance für besseren Schutz von Umwelt und Gesundheit weltweit?
Alexandra Caterbow
 
Gesellschaftsvertrag mit der Umweltbewegung oder Pakt mit der Rohstoffindustrie?
Zur Volksabstimmung in Ecuador über Ölförderung und Minenabbau
Elena Gálvez und Jorge A. Espinosa
 
Landwirtschaft 4.0
Digitalisierung – Unwort oder Zukunftsmodell?
Bernd Voß
 
Wohin steuert die UNESCO?
Radikale Maßnahmen zur Reform sind notwendig
Prof. Dr. Klaus Hüfner
 
Schöne neue Zukunft (2)
So können Innovationen uns retten
Katja Nordwig
 
Zwischen Inklusion und dem Recht, Nein zu sagen
Drinnen-draußen-Strategien von Frauenrechtsorganisationen
Dr. Christa Wichterich


THEMEN AUS DEM FORUM
 
Behauptung und Wirklichkeit – das Menschenrecht auf Wasser
Reflexionen zum Alternativen Weltwasserforum 2018 in Brasilia
Jerry van den Berge
 
Konzernmacht beschränken!
Warum es höchste Zeit ist, über die Macht der Megakonzerne zu reden und das Wettbewerbsrecht zu politisieren
Lena Michelsen
 
Rechentricks beim Klimaschutz
Mit LULUCF hätte die Rolle von Wäldern beim Kampf gegen den Klimawandel gestärkt werden können
Wolfgang Kuhlmann
 
Tausche Autos gegen Rindfleisch: Standards spielen keine Rolle
Die Risiken des Freihandelsabkommens der EU mit Mercosur
Jürgen Knirsch