19.09.2019 | Forum Umwelt und Entwicklung

Grosse Ziele, aber kein Plan

Wo steht die Agenda für Nachhaltige Entwicklung?
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Am 24. und 25. September kommen die Staats- und Regierungschef dieser Welt in New York zusammen, um erstmals eine Zwischenbilanz zum Umsetzungsstand ihrer gemeinsamen Nachhaltigkeitsagenda zu ziehen. Ein weiterer UN-Gipfel also, bei dem sich unsere Regierenden treffen – um zu reden und sich bestenfalls Verantwortlichkeiten hin und her schieben oder schlimmer noch, die Missstände klein- und schönreden. Aber sie lassen sich nun mal nicht weglächeln. Auch ohne Gipfel wissen wir bereits, dass die Zahl der Hungernden wieder steigt, die Ärmsten immer ärmer und Reichen absurderweise immer reicher werden, die Artenvielfalt dramatisch abnimmt und die Klimakrise unvermindert voranschreitet – mit einem Wort, wir entwickeln uns nicht hin zu einem nachhaltig gerechten Miteinander in dieser Welt, sondern eher davon weg. Dabei steht genau das hinter den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs), denen sich die 193 UN-Staaten im Jahr 2015 verschrieben haben: die Sicherstellung einer gerechten gesellschaftlichen Entwicklung auf sozialer, ökonomischer und ökologischer Ebene. Vorrangig geht es dabei um die Verringerung von ungleichen Lebensstandards in und zwischen den Staaten, die Schaffung von Chancengleichheit aller Menschen und den Erhalt von Ökosystemen. Bis 2030 soll jedes Land eigene Maßnahmen umgesetzt haben, die zur Erfüllung dieser Ziele führen

In dieser Sonderausgabe des Rundbriefs reflektieren unsere AutorInnen die 17 SDGs in 17 Artikeln aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Sie schauen dabei nicht nur darauf, was die SDGs weltweit bisher gebracht oder eben nicht gebracht haben, sondern auch, welchen Beitrag Deutschland hierzulande aktiv leistet, die massiven Defizite strukturell aufzubrechen. Um es vorwegzunehmen: leider nicht allzu viel. Denn den SDGs fehlt es an einem konsistenten Umsetzungsplan. Hehre Ziele an sich können gegen die vorherrschende Profitmaximierungslogik und mächtige Wirtschaftslobby schließlich nicht viel ausrichten. An vielen Stellen dieser Ausgabe wird deutlich, wie im Namen der SDGs Unternehmensprofite steigen, kaum aber Verbesserungen für die Allgemeinheit geschaffen werden, weder in Deutschland noch anderswo. Die neoliberale Ökonomie, die trotz der weitreichenden Ziele für nachhaltige Entwicklung, aber gerade wegen einer zu abstrakten Agenda ohne verbindliche Strukturmaßnahmen weiter Fahrt aufnimmt, führt die SDGs teils sogar ad absurdum. Egal ob im Bereich Städte, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Wasser, Meere oder Wälder.

Überall sind unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeitsziele Privatisierungen und zweifelhafte Kooperationen mit der Privatwirtschaft an der Tagesordnung, die vor allem eben jenen Unternehmen nutzen, nicht aber den Menschen und der Umwelt. Nicht zuletzt das irrsinnige Festhalten an einem unbegrenzten Wirtschaftswachstum, das dem SDG 8 explizit eingeschrieben ist, zeigt, dass es auch schon Fehler in der Zielkonzeption gibt. Doch einen Plan, wie die großen, doch zumeist richtigen Ziele der globalen Nachhaltigkeitsagenda durchzusetzen sind, ohne die Macht der Großkonzerne strukturell anzutasten und bestehende Widersprüche zu reproduzieren, gibt es nicht. Wie auch. In unzähligen lokalen Initiativen, Sozial- und Umweltbewegungen zeigen Menschen, wie es besser laufen kann und muss. Die BürgerInnen sind da längst viel weiter als die Politik. Am 20. September, kurz vor dem SDG-Gipfel, werden sie das wiederholt zum Ausdruck bringen und weltweit streiken für eine solidarische, nachhaltige und klimafreundliche Zukunft.

Eine gute Lektüre wünscht Ihnen
Josephine Koch

Download des Rundbriefs

Inhalt

Friede, Freude, SDGs?
In der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung ist dieses Jahr ein erstes Bilanzziehen vorgesehen
Elisabeth Staudt

Viel heiße Luft
Politik für die Armen mit Hilfe der Wirtschaft?
Marita Wiggerthale

Kein Hunger bis 2030
Längst eine Illusion?
Lena Bassermann

Ganzheitliche Ansätze für verbesserte Gesundheit
Warum medizinische Fortschritte nicht ausreichen, um Krankheiten zu bekämpfen
Mareike Haase

Bildung und SDG 4
Die Suche nach öffentlichen Mitteln
Antonia Wulff

Chemisches Ungleichgewicht
Geschlechter(un)gerechtigkeit in der Welt der Chemie
Anna Holthaus und Dr. Minu Hemmati

Recht auf Wasser durch Unternehmenspartnerschaften?
Die Vereinten Nationen sind auf dem falschen Weg
Rainer Heinrich

Unzureichende EU-Klimaziele durch Bioenergiepolitik zusätzlich gefährdet
Wird die neue EU-Führung erneut eine führende Rolle beim Klimaschutz einnehmen?
Linde Zuidema

Ewiges Wachstum?
Der verhängnisvolle Fehler im Plan zur Bekämpfung der Armut und der Rettung unseres Planeten
Joan Martinez und Nick Meynen

Verkehrsinfrastruktur umbauen
Warum die Entwicklungen noch immer zu wenig mit Nachhaltigkeit zu tun haben
Jens Hilgenberg

Was soll denn Entwicklungspolitik mit Migranten zu tun haben?
Eine migrantische Perspektive zur Umsetzung der SDGs
Jana Michael

Das Recht auf Wohnen umsetzen!
Für eine rebellische, linke, solidarische Stadt
Stefan Thimmel

Aus der Mode
Wie zivilgesellschaftliche Kampagnen weltweit gegen unregulierte Produktionsbedingungen vorgehen
Anne Neumann

Prima Klima für lau?
Wer Klimaschutz will, kann nicht auf Privatinvestitionen setzen
Johannes Grün

Ja, ja, so blau, blau, blau ist die nachhaltige Wirtschaft
Rettung der Meere durch die Blue Economy?
Marie-Luise Abshagen

Holzproduktion versus Gemeinwohlleistungen
Unterstützt unsere Forstwirtschaft die UN-Nachhaltigkeitsziele?
László Maráz

(K)Ein bisschen mehr Frieden?
Unberechenbare Rüstungsexportpolitik konterkariert friedenspolitische Bemühungen der Bundesregierung
Dr. Barbara Happe

Billionen für die Verwirklichung der Agenda 2030
Von der „Transformation unserer Welt“ zum Anlagemodell?
Wolfgang Obenland

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