27.08.2026 |

Transformationskonzept bis zum Jahr 2100

Der neue Global Justice Report zeigt den Weg zu Suffizienz durch Gleichheit

Das World Inequality Lab hat seinen lange erwarteten Global Justice Report vorgelegt. Unter der Führung des renommierten französischen Ökonomen Thomas Piketty hat eine Gruppe von 45 Wissenschaftler:innen ein umfassendes Transformationskonzept entwickelt, das sowohl von seinem Umfang als auch von seinem Zeithorizont seinesgleichen sucht. 

Die Autor:innen insistieren, dass es möglich sei, unsere Energiesysteme zu dekarbonisieren, und allgemein Suffizienz zu erreichen, in dem die Menschheit ihre Arbeitszeit deutlich senkt und zugleich ihren materiellen Fußabdruck durch Änderung der Konsumweisen massiv reduziert. Das Zieldatum der Transformation ist 2100, bis zum Ende unseres Jahrhunderts soll der Prozess abgeschlossen werden und damit fast ein gesamtes Menschenalter umfassen. Die Voraussetzung für den Erfolg, nicht überraschend in Anbetracht der Herkunft des Konzepts, ist eine massive Reduzierung der Ungleichheit.  

Das intellektuell beeindruckende neue Transformationskonzept greift viele Aspekte der Agenda 2030 auf, geht aber gerade bei den Umsetzungsmechanismen darüber hinaus. Die vier Säulen sind: Umverteilung auf globaler Ebene, eine tiefgreifende Reform der internationalen Finanz- und Wirtschaftsordnung, eine radikale Umgestaltung der Energiesysteme und erhebliche Veränderungen der Konsumgewohnheiten. 

Zentrales Ziel ist gerade auch die Erreichung von annähender Einkommensgleichheit in allen Ländern weltweit. Das Einkommensziel, das die Autor:innen bei 5000 Euro monatlich angesetzt haben, würde bedeuten, dass der Anteil der ärmeren Bevölkerungshälfte am Welt-Bruttosozialprodukt (BSP) von derzeit 2% auf 30% steigt. Der Anteil der derzeitigen Milliardär:innen würde von 6% auf 0.05% sinken. Erreicht werden sollen diese Werte durch eine globale Vermögenssteuer und höhere Einkommensteuern für die Reichsten. 

Solche Steuern speisen die Finanzierungsinstrumente der Transformation: Der World Sovereign Fund würde aus nachhaltigen Aktiva bestehen, sein Volumen betrüge 10% des globalen Kapitalstocks. Der Global Justice Fund soll Länderdividenden bedarfsgerecht ausschütten und damit jährliche Investitionen in Höhe von 10.3 Prozent des Welt-BSPs finanzieren. Zum Vergleich, die Mittel für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit betragen derzeit weniger als 0,4% des Welt-BSPs. 

Bessere Lebensqualität soll geschaffen werden, indem sowohl Finanzmittel als auch Arbeit zugunsten gesellschaftlich nützlicher Bereiche umgeleitet werden, besonders für Bildung und Gesundheit. Die Bildungsausgaben pro Kopf würden damit bis zum Jahr 2100 in allen Ländern auf 8.400 Euro pro Jahr steigen. Heute liegen sie zwischen 210 Euro pro Kopf in den ärmsten Ländern und 4.140 Euro bei den reichsten. Die Gesundheitsausgaben würden von heute zwischen 110 Euro und 8.300 Euro auf 14.400 Euro pro Kopf steigen. Der Anteil der weltweit für Bildung und Gesundheit aufgewendeten Arbeitsstunden stiege von heute 11 % auf 43 %, das bei drastisch reduzierter Gesamtarbeitszeit.    

Die Autor:innen sehen ihr – zunächst etwas utopisch anmutendes – Konzept auch als intellektuelle Stimulanz für laufende multilaterale Politikprozesse an, zum Beispiel für den Umsetzungsprozess des UN-Entwicklungsfinanzierungsabkommens, das letztes Jahr in Sevilla verabschiedet wurde, oder die aktuellen Verhandlungen zu einer UN-Konvention zur internationalen Steuerkooperation. In Zeiten wie unseren, in denen der Handlungsbedarf groß ist, es aber vielen Regierungen an Inspiration und Ambition mangelt, ist eine derartige Stimulanz sicherlich sehr willkommen.